Der Wert von Erinnerungen

Ich fürchte mich manchmal vor Erinnerungen. Sie sind der unberechenbarste Teil eines Menschen.
Man kann sie nicht verändern oder beeinflussen – schon gar nicht verhindern.
Es sind Dinge, die einem widerfahren, die vom Kopf subjektiv selektiert und irgendwo tief drinnen abspeichert werden. Beim bewussten Durchforsten der Erinnerungen, kriegt man immer nur einen Bruchteil zusammen.

Das Meiste schlummert in einem dunklen Nichts; ein Ort, zu dem es keine Wegbeschreibung gibt. Wie viele wichtige und völlig banale dort ihr Dasein fristen, lässt sich mit keiner mathematischen Formel errechnen. Eine bloße Schätzung reicht aus, damit mir schwindelig wird. Es ist wie dieses komische Kribbeln im Nacken, wenn man mitbekommt, dass man von jemandem beobachtet wird. Erinnerungen sind immer da, ich kann nur nicht immer auf sie zugreifen. Völlig willkürlich erwacht hin und wieder eine und schmeißt mich zurück in eine andere Zeit. Manchmal bei einem Gesprächsthema, das man schon in der Vergangenheit mal hatte,  manchmal ist es nur ein ganz bestimmtes Wort oder es passiert, wenn ich in der Stadt unterwegs bin.

Die Erinnerung versteckt sich in einem komplett fremden Menschen, der zum Beispiel neben mir in der Tram steht. Plötzlich weht mir ein Parfümgeruch entgegen und in meinem Kopf tauchen farbige Bilder auf. Das gleiche Parfüm hatte die nette Hortdame aus der Grundschule auch! Mein linkes Knie beginnt zu kribbeln, als die vom Duft belebte Erinnerung immer mehr Konturen bekommt.

WertvonErinnerungen

Es ist Sommer und ich spiele im Schulhof mit den anderen Kindern Fangen. Ich trage neue, rote Sandalen und diese kurze, pinke Leggins, die ich noch nie leiden konnte. Ich renne den alten Betonplattenweg neben dem Schulgarten entlang, bleibe mit der Fußspitze an einer herausragenden Platte hängen, stolpere und lande mit einem lauten RUMS auf meinem linken Knie. Es tut so weh, dass ich hinter meinen geschlossenen Augenlidern ein rotes Flimmern sehe. Rot ist auch das Blut, das aus meinem ordentlich aufgeschürften Knie läuft. Und plötzlich ist da die nette Hortdame, sie beugt sich zu mir hinab und drückt mich ganz fest. Diese warme – und auch ein bisschen schwitzige – Umarmung macht den Schmerz erträglicher. Ich vergrabe mein verheultes Gesicht in ihrem bunten Sommerkleid und rieche dieses Parfüm und…

die Tram hält an meiner Haltestelle, ich muss aussteigen. Betäubt bleibe ich einen Moment auf dem Bürgersteig stehen. Auf dem restlichen Nachhauseweg denke ich angestrengt über diese Erinnerung nach, aber der Name der netten Hortdame will mir partout nicht mehr einfallen. Mit jedem Schritt verlieren die Bilder ihre Farbe. Als ich die Wohnungstür aufschließe, hat sogar der eben vernommene Geruch seine greifbaren Eigenschaften verloren, ist nur noch verschwommen da.

Ich glaube, Erinnerungen sind etwas ganz Großes. Sie sind alles und nichts, können wunderschön oder auch ganz furchtbar sein. Wenn sie auftauchen, setzen sie oft eine ungeheure Kraft frei, beeinflussen unser augenblickliches Verhalten, verändern unsere Stimmung und manchmal werden sie auch zu Erfahrungen, die unsere Sicht auf das Leben für immer verändern. Wenn ich könnte, würde ich gern mal eine Erinnerungsinventur machen und die tot geglaubten Momente abstauben und sortieren. Natürlich geht das nicht, aber genau deshalb sind solche Momente, wie dieser in der Tram, so besonders und intensiv, dass sie den Alltag für einen Augenblick anhalten können.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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