Wenn Reisen Angst macht

 

Ich bin nicht mutig, sondern optimistisch.

Ich bin nicht mutig, sondern naiv.

Ich bin nicht mutig, sondern mutig.

 

Wenn ich reise, habe ich eigentlich nie Angst. Eigentlich. Kaum bin ich unterwegs, breitet sich in mir eine tiefsitzende Gelassenheit aus. In jeder Situation, die Angst hervorrufen könnte, werde ich zum Optimisten und sehe die Welt durch meine rosarote Reisebrille. Im Schlechten sehe ich dann immer nur das Gute, sei es auch nur die daraus zu gewinnende Erfahrung. Vielleicht bin ich etwas naiv und habe bisher zu wenig Schlimmes erlebt, als dass da reale Ängste entstehen könnten.

Jede Angst braucht ihr Futter.

Meine Angst ist magersüchtig.

Sobald ich mich auf eine Reise begebe, lasse ich den Alltag und die daran hängenden Gedanken bereits wenige Kilometer hinter meiner Heimatstadt zurück. Mein Kopf wird plötzlich frei und die Schritte werden leichter, ich grinse ununterbrochen und lache öfter. Ja, mein Glück liegt in der Distanz und Fernweh ist bei mir chronisch.

Dann taumele ich losgelöst durch meine Reiserealität und genieße jede Sekunde, auch die Momente, in denen ich allein bin, irgendwo herumlaufe, mich treiben und die Umgebung auf mich wirken lasse, mich auf mein Innerstes einlasse. Dennoch habe auch ich eine Schwachstelle. Der wunde Punkt versteckt sich in meinen Gedanken.

Wenn ich beim Reisen zum Luft holen komme und auf das holpernde Herz höre, muss ich plötzlich über Dinge nachdenken, die im Alltag untergehen. Dann kommt manchmal die Angst herangeschlichen und packt mich. Die Angst vorm kritischen Hinterfragen – oder eher: die Angst vor den Antworten. Die Angst, mir bei der Auseinandersetzung mit Erinnerungen selbst ein Bein zu stellen, meine Schwächen zu entdecken und schlussendlich: mich selbst nicht zu mögen.

Nur die still gedachten, selbst gestellten Fragen locken mich aus der Reserve.

Was hab ich da nur getan? Warum war ich so? Wieso konnte das nur so kommen? Warum ist heute alles anders? Renne ich vor etwas weg? Was suche ich? Bin ich heimatlos? Mache ich mir etwas vor?

Es sind solche Gedankenspiralen, die eine ungeheuer große Melancholie auslösen. Weich und erdrückend schließt sie ihre Arme um mich und ich weiß nicht, ob ich genießen oder nach Luft ringen soll. Zwei Realitäten – die Reise- und die zuhause gebliebene Realität – prallen dann aufeinander und ich stehe fassungslos dazwischen und lasse mich langsam aber sicher von ihnen zerquetschen.

Ich komme mir dann wie eine Karikatur meiner Selbst vor, wie eine große Lüge. Der Wind ist aus meinen Flügeln genommen, ich bin atemlos und gelähmt, bittersüß traurig und leer, unsicher, was ich nun fühlen oder tun soll.

Nach einigen Momenten verfliegt die Melancholie wieder und die Leichtigkeit kommt zurück. Die Fragen verblassen, aber sie verschwinden nie ganz. Sie verkriechen sich in einer dunklen Ecke und hoffen auf die nächste Reise, den nächsten schwachen Moment, meinen nächsten Anfall von Melancholie. Sie dösen und träumen von dem Tag, an dem sie von mir beantwortet werden.

MG_9691-1024x683

 

The following two tabs change content below.

Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

Neueste Artikel von Josephine von Blueten Staub (alle ansehen)

Kommentar verfassen