Familienbesuche

Noch während ich im Zug sitze, werde ich unruhig. Mit jedem Kilometer, den mich der Zug weiter in die Einöde hinaus transportiert, kommen mir mehr zu erledigende Dinge in den Kopf, die keinerlei Aufschub dulden.  Als die Haltestelle, an der ich aussteigen muss, angesagt wird, verabschiedet sich mein Handyempfang und ich hasse mich ein bisschen für den instinktiven Fluchtgedanken.

Eigentlich geht dieser Fluchtgedanke immer schon los, bevor ich überhaupt in den Zug steige – und zwar dann, wenn ich mich bei meinen Großeltern auf einen Besuch ankündige. Nicht falsch verstehen, meine Großeltern sind wahnsinnig liebe Menschen und ich mag sie sehr, aber sie wohnen in völliger Abgeschiedenheit in einem hundert-Seelen-Dorf, in dem es nicht mal einen kleinen Kiosk gibt, geschweige denn Handyempfang. Den gesamten Aufenthalt über fühle ich mich ausgeschlossen und weggesperrt vom Rest der Welt. Dazu kommt das üppige Essen, bestehend aus fünf Mahlzeiten am Tag, die seit Jahren zur gleichen Uhrzeit stattfinden (8 Uhr Frühstück, 10 Uhr Obstfrühstück, 12 Uhr Mittag, 15 Uhr Kaffee und Kuchen, 18 Uhr Abendessen) und die nicht enden wollenden Geschichten meiner Großeltern, die beim ersten Mal hören noch spannend und interessant waren, die ich aber mittlerweile mitsprechen kann. Nicht zu vergessen der liebliche Rotwein, der in Strömen fließt und immer wieder in Kombination mit dem Kaffeelikör für Kopfschmerzen sorgt. Aber trotz allem sind und bleiben es meine Großeltern und da ich die nur einmal habe, schwämme ich meinen Fluchtinstinkt mit einem ordentlichen Schluck Wein weg und nehme mir die Zeit.Elbe-Kehnert, Ziegeleihaken

Als ich diese Woche wieder in das Dorf komme und mit einem dicken Stück Sahnetorte begrüßt werde, ist irgendwas anders, obwohl sich nichts verändert hat.

Statt an den Berg Arbeit zu denken, der geduldig zuhause  auf mich wartet, genieße ich die Abgeschiedenheit und das Nichtstun. Ich spaziere bei Sonnenuntergang an der Elbe entlang, deren Auen direkt hinter dem Haus meiner Großeltern beginnen. Als Kind war ich in den Ferien oft und für lange Zeit zu Besuch gewesen und deshalb kenne ich die Umgebung am Ufer noch in und auswendig.

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Die Geschichten, die mein Opa wieder zum hundertsten Mal erzählt, bringen mich nicht zum genervten Aufstöhnen, sondern erinnern mich an die Zeit, als ich sie zum ersten Mal gehört hatte. Ich werde immer ruhiger und lasse einfach alles auf mich zukommen. Opa zeigt mir die Fledermäuse, die seit ich denken kann Jahr für Jahr im Keller Winterschlaf halten. Später fragt Opa mich, was mich momentan beschäftigt und wie die Arbeit läuft. Als ich abwinke und ihm deutlich mache, dass grad einfach zu viel zu tun ist, nickt er verständnisvoll.

Dann legt er seine Hand auf meine Schulter und sagt: „Wenn es dir mal zu viel wird – du kannst jederzeit herkommen, solange es uns noch gibt. Hier ist zwar nicht viel los, aber gerade das braucht man manchmal, um zur Ruhe zu kommen.

Als ich am nächsten Tag wieder nach Hause und zurück zum aufregenden und pulsierenden Leben fahre, landet ein Spatz in meiner Hand und bringt eine Erkenntnis mit sich: Die Tauben mit der Arbeit sitzen immer auf dem Dach, aber den Spatz, der mir manchmal so viel mehr geben kann, finde ich nur in der Einöde, bei der Familie.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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