Man ist, was man tut?

Mein Name ist Horst, 53 Jahre alt und seit nunmehr 10 Jahren Vorsitzender der Zweigstelle der Firma blabla.“ „Ich bin Prof. Dr. Heinrich, 65 Jahre jung und leite eine mundchirurgische Praxis.“ „Gestatten: Hermann, mittlerweile  73, Vorstandsmitglied im Rat der…“

Aufgrund eines Projektes hat es mich für einen Abend in diesen erlesenen Kreis der Reichen und Schönen verschlagen. Ich sitze am Kopf einer langen Tafel, am anderen Ende hängt der Vorsitzende dieser Runde wie ein gelangweilter Kaiser in seinem Holzstuhl. Sie alle stellen sich mir nacheinander in der oben beschriebenen Weise vor, als wäre es für mich notwendig zu wissen, welcher gerade am meisten Geld, Macht oder Erfolg besitzt.

Mein Bauch verkrampft sich und mir wird ein bisschen übel. Über diese Dekadenzeinstellung – mein Auto, mein Konto, meine Wichtigkeit – kann ich mittlerweile hinwegsehen, die ist keine Seltenheit. Was mir aber zum ersten Mal so deutlich auffällt und mich ziemlich schockiert, ist die Wahrnehmung der eigenen Identität. Jeder dieser Doktoren, Manager und Bereichsleiter definiert sich selbst automatisch durch den Posten, den er besetzt, ganz selbstverständlich wie eine Maschine. Dass das überhaupt nichts über den eigentlichen Menschen dahinter zu tun hat, scheint niemand zu bemerken.IMG_6633

Während die anzugtragenden Funktionen ihr Vorstellungsritual weiterführen, versinke ich für einen Augenblick in einem Tagtraum. Statt an der Tafel zu sitzen, führt mich ein adrett gekleideter Mann durch ein Autohaus und stellt mir seine besten Modelle vor: „Hier sehen Sie den schwarzen 4-Türer, mit Allradantrieb und integriertem Navi, sehr edel und sehr teuer! Und schauen sie nur, da drüben ist noch ein ganz besonderes Modell, der bierbäuchige Zweibeiner! Seit 8 Jahren unangefochten auf dem Chefposten der Nahverkehrsgesellschaft. Muss zwar ständig getankt werden- aber den enormen Spritverbrauch macht er gleich doppelt wett: wenn er einmal läuft, ist er nicht mehr zu stoppen und mit seinem Gehalt kommt er nicht nur für seine Instandhaltungskosten, sondern auch für ihr Rundum-Sorglos-Paket auf. Und- das verrate ich nicht jedem Kunden: Er ist auf eine ganz extravagante Art mobil – dank eigener Jacht in Florida.“ Als ich mich wieder für die Realität entscheide und aus dem Tagtraum entfliehe, verbeugt sich mein Zynismus in Gestalt des Autoverkäufers provokant zum Abschied.

Kurz bevor ich in dieser nie enden wollenden Vorstellungsrunde an der Reihe bin, überlege ich, mit einer völlig anderen Vorstellung ein bisschen Rebellion in die frühabendliche Dekadenz zu bringen, aber nach 18 Uhr siegt mein Harmoniebedürfnis immer über den radikal-revolutionären Trieb. Auch, wenn die wichtigen Herrschaften jetzt keine Ahnung haben, welcher Mensch sich hinter „Josephine, 21, Studentin und blabla“ verbirgt, nicken sie wissend und ordnen mich in ihr Boxensystem ein.

Vermutlich stehe ich in ihrer Ordnung irgendwo zwischen dem rostigen Trabbi und dem Klappfahrrad. Bastlermodell, familienunfreundlicher 1-Sitzer, die Polsterung bietet niedrigen Komfort, keine Herstellergarantie bei Defekten oder sonstigen Schäden, dafür aber bislang sparsam im Verbrauch.

Zurück im normalen Leben steigert sich mein Missmut bei der Feststellung, dass diese automatisierte Vorstellungsart nicht nur in der klischeebehafteten Elitenklasse vorkommt. Diese Selbstwahrnehmung und –beschreibung passiert in jedem Kontext. Selbst auf der alternativsten Studentenparty wird zur Einordnung gefragt, was die Person tut. „Was machst du? Was studierst du?“ BWL Student? Nein danke, von deiner Art kenne ich schon genug komische Käuzchen, machs gut. Malereistudent? Oha, wow, was malst du so?

Interessiert man sich dann wirklich für den Menschen dahinter? Ist man rhetorisch so unterentwickelt, dass einem keine andere Frage einfällt? Oder will man ihn zunächst in eine Box stecken und sich dann überlegen, ob man mehr als seine Funktion kennen lernen will? Vor allem aber:

Kennen wir uns selbst noch, jenseits von diesem Funktionalen?

„Ich bin Josephine. Ich bin oft ein sehr lauter Mensch. Ich tue immer 1000 Dinge gleichzeitig und brauche Stress um mich wohl zu fühlen. Zwar vergesse ich Namen ganz schnell, aber dafür erinnere ich mich intensiv an sämtliche Emotionen der letzten Jahre.  Ich spiele oft einen taffen Menschen, aber manchmal kann ich keinen Schlaf finden, weil Sorgen und Ängste an meinem Fußende Radau machen. Ich mache gerne aus einer Mücke einen Elefanten und male oft schwarz-weiß. Wenn ich mal groß bin, möchte ich am allermeisten… Gelassenheit spüren und mit mir selbst im Reinen sein. Da gibt es natürlich noch mehr, aber jetzt erst mal zu dir: Wer bist du?“

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Hätte ich mich so bei den anzugtragenden Wichtigkeiten vorgestellt, wäre das sicher nicht nur ungewöhnlich, sondern auch unangemessen gewesen- schließlich gibt es Situationen- gerade im Beruf- wo man die Persönlichkeit eines Menschen gar nicht kennen lernen muss oder sollte, weil seine Funktion und Fähigkeiten in dem Moment entscheidend sind. Trotzdem beunruhigt es mich, dass wir uns schon automatisch über unsere Tätigkeit definieren und diese funktionale Vorstellung mittlerweile ein Ritual geworden ist. Gerade in einem angenehmen Kontext wäre ein Ausbruch aus dieser Marotte doch mal ein Versuch wert.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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