Der “Lord Voldemort”-Satz

lord#31.

In meinem Stammcafé nuschelt meine beste Freundin, das Glas frischen Pfefferminztee wie ein Schutzschild vor den Mund haltend:

“Aber was ist denn momentan das Schlimmste?” Jüngst musste sie einen halbstündigen Monolog über die Ungerechtigkeit, Beschwerlichkeit und Gemeinheit des Lebens von mir hören. Ich muss kurz innehalten, überlegen, wie ich es am besten sage.

Ich seufze, weil ich meine Antwort nicht mag: “Ich war noch nie in meinem Leben allein. Ich kann nicht allein sein.” Natürlich lacht sie, klar bin ich nicht allein, wo ich doch in meinem Stammcafé zum Beste-Freundinnen-Klatsch sitze, wo ich doch Freunde habe, wo ich doch facebook Freunde habe – wer ist heute überhaupt noch allein? Aber der Kloß in meinem Hals schnürt mir die Worte ab, die ich eigentlich sagen wollte.

Ich bin nicht allein, sondern einsam.

Dieser Satz ist der “Lord Voldemort” unserer Zeit. Wer würde sich wagen, ihn vor irgendwem laut auszusprechen?

 

2.lord#2

Er sitzt im grauen Licht des ersten Tages auf der staubigen Couch, die Müdigkeit von vielen durchwachten Nächten ruht auf seinen Schultern. Er sitzt da, inmitten von rauchenden Trümmern, und spürt dieses unerträgliche Nagen in der Brust. Die Wut auf Menschen, denen er dieses Nagen verdankt, lässt ihn einen Zettel von dem unsortierten Stapel auf dem Boden greifen.

“Ich merke, dass du wirklich keine Ahnung hast, was ich zur Zeit so fühlen könnte…” schreibt er in krakeliger Handschrift darauf- und hält kurz inne. Hat er selbst überhaupt eine Ahnung, wie er sich fühlt? Da ist nur dieses Nagen, dieser Lord-Voldemort Satz, der zwischen den Zeilen des Geschmierten steht. Aber warum nagt es überhaupt? Sein Kopf brummt – schwerfällig noch von vorherigen schlaflosen Nächten – und die Gedanken lassen sich nur zäh in eine Reihenfolge bringen.

Wenn er diesen Satz ausspräche, was würde das ändern? Wovor hat er Angst? Warum müssen immer andere Menschen für ihn da sein, warum kann er das selbst nicht? Und hat er wirkliche Einsamkeit, über viele Jahre andauernde und resignierende Einsamkeit, ja, hat er die überhaupt jemals erlebt?

 

3.

“Gut geht es mir, gut, ja, sehr gut!”, sagt sie ihrem Spiegelbild und zieht ihre Mundwinkel zu einem Grinsen hoch. Das Make up sitzt, die leere Wohnung wird mit lauter, fröhlicher Musik gefüllt. Sie starrt in ihr digitales Adressbuch und schreibt Freunden kurze Nachrichten, ob sie nicht kochen wollen, ob sie nicht trinken wollen, ob sie nicht feiern, tanzen, lachen, reden, zuhören,…. sich auf sie einlassen wollen. Irgendwas will man doch immer.

Nur eine Sache, das weiß sie von sich selbst, eine Sache will man vor allem vermeiden. Man – also sie – also niemand, keiner will mit sich allein sein. Denn wer weiß schon, ob bei völliger Stille, allein mit dem eigenen Herzschlag im Ohr, nicht dieser Lord Voldemort Satz laut durch den Kopf spuken und einem wie ein Dementor sämtliches Glück, das man je erlebt hat, aussaugen würde.

lord#14.

Später, wieder allein zuhause, muss ich lachen, obwohl mir eigentlich gar nicht nach Lachen ist. Lord Voldemort war kein Dementor und wird auch nie ein Dementor sein. Letztendlich wurde er doch von einem – zugegeben mittlerweile ziemlich langweiligen – Zauberer besiegt. Und auch für Dementoren gibt es den Patronus-Zauber. Ist das nicht auch genau für diesen abstrakten Satz, dieses nagende Gefühl, dieses “ich bin einsam” die Lösung?

Wenn wir jemals einsam sind, wenn es diesen Lord Voldemort Satz wirklich gibt, warum lassen wir es nicht einfach zu? Warum Angst haben und davor weglaufen, wenn wir uns darauf einlassen können? Mutig in den Spiegel sehen, den eigenen Herzschlag hören und zur Abwechslung mal nicht mit Menschen umgeben, sondern bewusst abgeschieden auf den Rhythmus hören, den das Herz uns vorgeben möchte.

Stille. Einsamkeit. Okay.

Der Zauberstab mit all den glücklichen Erinnerungen ist immer in unserem Kopf, was hält uns noch zurück?

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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