Als Nachdenken aus der Mode kam

Kein Wunder, dass ich den Winter nicht mag. Die graue Wolkendecke hüllt die Welt schon seit Tagen in ein fades Licht, das sämtliche Farben blasser wirken lässt. Es fühlt sich an, wie ein Leben im permanenten Dämmerzustand“, dachte ich an diesem nebeligen Sonntagmorgen. In einen gemütlichen Sessel eingekuschelt starrte ich aus dem großen Schaufenster des Cafés hinaus in die trübe Welt.

Plötzlich hallten die ermahnenden Worte meiner Mutter über den leer gegessenen Brunch-Tisch hinweg: “Was starrst du denn so vor dich hin? Grübelst du etwa schon wieder? Da kann man ja annehmen, dass du depressiv bist!”

Ihre Worte machten mich stutzig. Darüber musste ich erstmal nachdenken. Damit meine Mutter aber nicht ernsthaft glaubte, dass ich eine depressive Ader hätte, sparte ich mir das für die bevorstehende Zugfahrt auf und unterdrückte bis dahin jegliche Überlegung.

Wann wurde eigentlich beschlossen, dass Grübeln etwas Negatives, Krankhaftes, ja, Depressives ist?

In der Romantik galt das Grübeln noch als etwas Außergewöhnliches und Erforschendes, wodurch man auf den Spiegel seiner Seele schauen konnte, es war mit Tiefsinnigkeit gleichzusetzen. Die daraus resultierende Lösung eines Problems war zwar schön, aber das Nachdenken an sich reichte schon völlig aus.

grübelnfoto

Heute steht das Grübeln nur noch für die rotierenden Gedanken, die den Geist zerrütten und ein ernstes Symptom für eine Depression sein können. Wenn der apathische Blick zur Seite, das Starren ins Nichts, noch dazukommt, dauert es nicht lange, bis dein Gegenüber dich besorgt auf dein Fehlverhalten anspricht.

Natürlich werden beim Grübeln nicht selten Antworten auf existenzielle Fragen gesucht – das muss aber nicht automatisch heißen, dass diese wohlige Melancholie, in der man sich sonnt, gleich eine Depression sein muss. Tagträume, verpasste Möglichkeiten und mögliche Situationen ziehen Hand in Hand durch den Kopf. Oder, um es mal ganz herunter zu brechen: Dieses Grübeln kann auch “Nachdenken” genannt werden.

Denn, auch wenn Sätze wie “Du Schatz, ich hab mal nachgedacht und … wir müssen reden.” oder “Das hab ich mir gut überlegt” oder “Darüber müssen wir nochmal nachdenken” viel öfter kommen und alltäglicher sind als “Du handelst unüberlegt!” oder “Hast du nachgedacht?”, wie oft denken wir wirklich mal nach?

Während meiner Grübelei war meine intuitive Antwort: “Na, in einem ruhigen Moment!”

Aber wann kommt denn so ein ruhiger Moment, in dem Nichts für Ablenkung sorgt? Wann dudelt nicht irgendwo Musik im Hintergrund, ob aus den Café/Bar/Laptop-Lautsprechern oder aus den Stöpseln im Ohr? Wann sitzt man mal nicht vorm PC, auf dem der Mauszeiger sich zwischen den geöffneten Tabs kaum entscheiden kann? Wann gibt es mal nichts zu posten, instagrammen, whats-appen?

Ich bin unter solchen Voraussetzungen maximal dazu in der Lage, über die Bestellmöglichkeiten meines Lieblingspizzalieferanten nachzudenken. Für einen hämischen Gedanken  zu einem eben geliketen Foto, auf der die Person eigentlich total scheiße aussieht, ist natürlich auch immer Platz.

“Es ist nicht wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.”, sagte Seneca vor langer Zeit. Aber er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er unseren Lebensstil mitbekäme. Denn selbst die Römer wussten, dass Sinnieren als Arbeit an der eigenen Persönlichkeit ein fester Bestandteil des Lebens ist.

Vielleicht rennen wir als Romanfiguren unseres eigenen Carpe-Diem-Manuskripts von einer Tätigkeit zur nächsten und versuchen möglichst eine ruhige Minute zu vermeiden, vielleicht aus Angst, jemand würde uns für depressiv halten oder noch schlimmer: für langweilig.

Und das obwohl JD von „Scrubs“ schon längst bewiesen hat, wie wunderbar doch dieses Starren sein kann und dass Tagträume das Leben so viel bunter machen. Oder wie James Hudson Taylor sagen würde:

Zu genießen,

wie die Zeit vergeht:

Das ist das Geheimnis

des Lebens.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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One thought on “Als Nachdenken aus der Mode kam

  • Wunderbar, das Grübeln ist auf den Hund gekommen. Warten, wie oft am Tag, immerzu, Zeit zum Grübeln steht an. Aber ja. Wir warten nicht gerne. Haben wir etwas gegen elementare Erfahrungen? Bei den Gebrüder Grimm heißt es noch: Wohin schauen, Ausschau halten, aufpassen, seine Aufmerksamkeit auf etwas richten, versorgen, pflegen, einem dienen, harren.” Ein Meditativer Moment, kein Zeitfresser. Man kann 100 mal das Smartphone entsperren um dem Warten Nutzen zu geben, besser wäre Grübeln. Sollten wir uns nicht über die unverhoffte Zeit zum Grübelns freuen. Lässt Warten nicht den Raum , der Lässigkeit im Umgang mit Zeit den Vorrang zu geben.
    I love watching people wait. Wo bleibt die geliebte Maxisingle. Grübeln ist nie aus der Mode gekommen.
    Erik

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