Cybermobbing

Oft sexistisch und degradierend, gerne bissig und ironisch, manchmal auch völlig direkt ausfallend und beleidigend – die Kommentatoren haben viele kreative Ideen, um den Autor ein bisschen zu pieksen. Nein, eigentlich eher in der Absicht, ihm weh zu tun. Nur eine Sache ist immer gleich: Sie alle posten anonym. Und streuen Zweifel.

Haben sie Recht? Bin ich blöd?
Bin ich hässlich, scheiße, dumm, oberflächlich?
Was soll ich tun?
Diskutieren? Ignorieren? Sie an den Pranger stellen? Mir den Kopf zerbrechen?

Doch statt mich selbst zu bemitleiden, aufzuregen und leichtfertig solche Menschen zu verurteilen, probierte ich rein hypothetisch in die Köpfe der Anonymen zu schauen und zu versuchen, sie zu verstehen. Nach einiger Bedenkzeit kam ich zu folgendem Ergebnis:

Wenn ein Mensch so viel Zeit hat, einem völlig irrelevanten Menschen wie mich – der weder die Politik eines Staates beeinflusst, noch moralisch inkorrekten, ideologisch verseuchten, fremdenfeindlichen, rassistischen oder sexistischen Mist verbreitet, der weder reich noch berühmt und generell nicht sonderlich anders als alle anderen ist – einen verletzenden Kommentar zu schreiben, dann stimmt irgendwas in seinem Leben nicht.

haltstopp#1Entweder hat derjenige nichts besseres zu tun, beneidet das fiktiv gelebte Online-Dasein oder kennt das Mobbingopfer gar im echten Leben persönlich, ist jedoch unfähig, seine Probleme verbal von Angesicht zu Angesicht zu schildern.

Anscheinend ist es für viele Menschen selbstverständlich, die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren, indem sie diese an ihren Mitmenschen auslassen. Das fällt online natürlich bedeutend leichter, erst Recht mit einer anonymen Kommentarfunktion.

Ich weiß nicht, was die Anonymen für ein Päckchen zu tragen haben. Ich weiß auch nicht, was für nette und liebenswerte Eigenschaften sie aufweisen, wenn ich nur böse Worte von ihnen zu lesen bekomme. Am allerwenigsten weiß ich, was sie wirklich damit bezwecken wollen, denn mit ihrer Anonymität tun sich hundert Rätsel auf.

Eine Antwort fand sich für mich jedoch relativ schnell. Ich werde sie tolerieren. Ich würde ihnen gern in einem persönlichen Gespräch helfen, aber ich bin weder ein wandelnder Kummerkasten, noch werden sie aus ihrem Muster hinausspringen können.

Aber eine Gewissheit können die Anonymen haben:

So, wie ihr mir mit euren Kommentaren Aufmerksamkeit schenkt, gebe ich sie – mit diesem Post einmalig – und regelmäßig beim Lesen eurer Kommentare zurück. Ich lösche eure Kommentare auch nicht, sondern sammle sie in einem Spamordner wie alte Kaugummiflatschen auf dem Asphalt.

Ihr habt für einen Augenblick vielleicht ein Hochgefühl, weil ihr 10 Minuten an einer Beleidigung getippt habt, die ich in 5 Sekunden lese und – auch wenn ich gern verleugnen würde – erst in ein paar Stunden wieder vergesse. Aber meinen Glauben an das Karma kann davon nicht erschüttert werden:

Jede Handlung hat unweigerlich Konsequenzen. Wer Gutes tut, dem widerfährt Gutes- und umgekehrt. Solange ich euch toleriere und dulde, bessere ich im besten Fall sogar trotz Nichtstun mein Karma auf, indem ich euch ein Ventil gebe. Und wie ist euer Karma?

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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