Vom Zuhause eingeholt

San Francisco, 2015: Statt die typischen Sehenswürdigkeiten auf der Reise abzuklappern, hatten mich die zu erkundenden lost places in der Bay Area deutlich mehr gereizt. Ganz oben auf der To-Do Liste stand ein Ort, der bekannt genug ist, um im Lonely Planet Reiseführer als “Geheimtipp” angepriesen zu werden:

Sutro Bath

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Am besagten Tag hatte ich verschlafen und fuhr deshalb erst am späten Vormittag nach San Francisco. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft war der Himmel mit dicken Wolken behangen und ein rauer Seewind sorgte für “kühle” 18 Grad – perfektes Wetter für einen Fotoausflug. Die Ruinen von Sutro Bath befinden sich fast in direkter Nachbarschaft zum Ocean Beach, direkt hinter dem Golden Gate Park. Aufgrund der starken Strömung und rauen Brandung stürzen sich dort nur erfahrene und mutige Surfer in den Pazifik.

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Sutro Bath war früher ein luxuriöses, öffentliches Bad. Finanziert wurde der Bau vom damaligen Unternehmer und Bürgermeister San Franciscos, Adolph Sutro. Es wurde 1896 eröffnet und brannte 1966 nieder, seit dem ist die Ruine den Kräften der Natur überlassen.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eine Ruine direkt am Meer- etwas ähnliches hatte ich nie zuvor gesehen.

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An die Säule gelehnt (siehe Bild oben) frühstückte ich, während mir der raue Wind der See um die Nase pfiff. Das Gekreische der Möwen mischte sich unter das beruhigende Rauschen des Meeres und entgegen meiner Erwartungen war der Ort menschenleer.  Ich konnte also ungestört die gesamte Umgebung erkunden.

Meine Stimmung an diesem grauen und bisher ereignislosen Tag veränderte sich, ich fühlte mich plötzlich glücklich und unbeschwert. Wenn der Alltagsstress nicht schon längst in den vorherigen Tagen von mir abgefallen war, tat er es jetzt. Alle störenden Gedanken verstummten, mir war, als hätte ich keine Vergangenheit und keine Zukunft. Mein Kopf war vollkommen leer und saugte wie ein Schwamm die Eindrücke um mich herum auf. Möwen. Meer. Wind. Salz in der Luft. Freiheit. So fühlt sich also dieses “Im-Moment-leben” an.

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Auszug aus dem Reisetagebuch:

„Die letzte Woche ist da und ich bin mir über die Realität unklar. Ich sehe immer und immer wieder so großartige Dinge und treffe die coolsten Leute, dass ich mir wie in einem Märchen, einem sehr farbigen Traum, vorkomme. Außerdem ist das Zuhause – nur der Gedanke ans Zurückfahren – so surreal. Es kommt mir so vor, als wäre hier mein neues Zuhause. Welche dieser Welten – die im Hier und Jetzt oder die in Deutschland – ist denn nun meine Realität?”

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Nach dem Essen kletterte ich vom Hügel hinab und balancierte über den schmalen Weg zwischen Meer und altem Schwimmbecken. Ab jetzt hieß es nur noch: die Ruine, meine Kamera und ich…

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Ich folgte dem staubigen Weg, der auf den anderen Felsen führte und konnte nochmals die Aussicht auf das Meer und die Ruine bestaunen.

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Am Rande des Aussichtsplateaus war ein Bereich abgesperrt. “Betreten verboten. Einsturzgefahr!” warnte das Schild vor der Absperrung. Nur eine Möwe saß dort wie ein einsamer Wachposten. Ich inspizierte die steinernen Treppen, die vom abgesperrten Bereich den Fels hinab führten.

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“So unsicher sehen sie doch gar nicht aus…” Ich überlegte hin und her, ob ich vielleicht nicht doch… Nein, das stimmt nicht. Ich muss zugeben, dass ich überhaupt nicht überlegen musste. Dass ich da definitiv hinabklettern werde, stand schon fest, bevor sich meine Vernunft überhaupt zu Wort melden konnte.

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Dort unten war der Wind noch stärker. Die Wellen klatschten gegen die Felsen zu meinen Füßen, Salzwasserperlen landeten auf meinem Gesicht. Wieder durchströmte mich das Glück. Ich fühlte mich so frei und unabhängig. “Ich werde nicht mehr zurückreisen” , dachte ich und war kurzzeitig fest von diesem Entschluss überzeugt.

Ich lehnte mich gegen den Wind und schrie mit den Möwen. Wie zum Abflug bereit breitete ich meine Arme aus, starrte aufs Meer und für einen Moment blieb die Zeit stehen. “Nein, nie mehr zurück. Mein Zuhause ist hier, in Kalifornien!”

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Als der Moment vorüber war und ich schon wieder die Treppe ansteuern wollte, nahm ich im Augenwinkel die Felswand hinter mir wahr und erstarrte in der Bewegung. Dort, an einem zugemauerten Durchgang, war ein Graffiti. Eigentlich nichts besonderes. Doch für mich bedeutete es eine ganze Menge.

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Das letzte, was ich an meinem Schreibtisch vor der Abreise getan hatte, war die Zeichnung von einem Origamikranich. Und nun, genau in dem Moment, als ich zu beschließen glaubte, dass ich nicht mehr zurückkehren würde, als ich drauf und dran war, das eigentliche Zuhause zu vergessen – da holte mich das Zuhause wieder ein.

Etwas verstört erkundete ich den Rest von Sutro Bath. Meine Laune war von dieser Begegnung nicht getrübt, aber ich wurde nachdenklich. Die Erkenntnis des Tages:

Ich kann mein Zuhause vielleicht vergessen, aber mein Zuhause wird mich niemals vergessen. Egal wohin ich auch gehe, ein Stück Heimat begleitet und denkt an mich.

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Wenn ich jetzt darüber schreibe, ist dieser Moment noch immer so lebendig, aber wie wird meine Erinnerung in fünf, zehn Jahren sein?

Als ich mich auf den Rückweg machte, war mir eines klar: Diesen Tag in Sutro Bath, diese Emotionen und Gedanken, wollte ich nie vergessen. Und so fasste ich auf dem Rückweg einen anderen Beschluss, der noch in Kalifornien in die Tat umgesetzt wurde:

Als Erinnerung an diesen Moment ließ ich mir wenige Tage später ein Origamikranich-Tattoo stechen.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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