Oberflächlich oder nur freundlich?

Zurück aus Kalifornien. Situation in Deutschland, Freitagnachmittag in einer Drogerie: „Schönes Wochenende“, wünschte der Mann vor mir der Kassiererin, ohne ihr auch nur ein einziges Mal ins Gesicht zu sehen. „Vielen Dank, das wünsche ich Ihnen auch“, antwortete sie mechanisch, während sie schon mein Zeug einzuscannen begann.

Bevor ich die USA gefahren bin, bereiteten mich Freunde auf die Oberflächlichkeit der (US-)Amerikaner vor. „Du wirst zwar das Gefühl haben, dass alle viel offener und freundlicher sind, aber nach einer Weile wirst du merken, dass diese Freundlichkeit vollkommen oberflächlich ist.“ 

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Doch diese Aussage bewahrheitete sich nicht. Die Oberflächlichkeit der Amerikaner – für mich nur ein weiteres Klischee, ein Vorurteil. Man hatte mich auch gewarnt, dass alle dort nur Fastfood essen und dick sind – oder, dass alle dort Waffen verherrlichen und kriegsgeile Patrioten sind. Es heißt ja immer, das Klischees einen Funken Wahrheit enthalten und vermutlich gibt es Regionen in den USA, wo Waffen allgegenwärtig sind und viele Übergewichtige leben. Entweder haben sich die Klischee-Amerikaner vor mir versteckt, oder Kalifornien, der besonders liberale und offene Sonderling der USA, ist eben doch anders als das Bild in den Köpfen der Menschen.

 

Im Laufe der Reise verstärkte sich bei mir das Gefühl, dass dort eine ganz andere Wahrnehmung des Individuums herrscht. Statt sich anonym und verschlossen im öffentlichen Raum zu bewegen, überkam mich das Gefühl, wahrgenommen, bekannt, willkommen und akzeptiert zu werden. Wie auf einem Dorf, wo jeder jeden kennt, entsteht eine seltsame Vertrautheit – der gravierende Unterschied zum Dorf ist aber, dass man sich auf San Franciscos Straßen höchstwahrscheinlich nicht kennt. Beim Einkaufen begegnet man sich und fragt nach dem Tag, tauscht sich in einer Warteschlange über das Tagesgeschehen aus oder gibt auf offener Straße ein Kompliment zur Haarfrisur/den neu aussehenden Schuhen/ dem Lächeln etc.

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Aber ist das  oberflächlich? Macht es überhaupt Sinn, nach Oberflächlichkeit in diesem Rahmen zu fragen?

Als mir eine fremde Frau mitten auf der Straße ein Kompliment zu meinen Schuhen machte, versuchte ich die obigen Fragen für mich selbst zu beantworten. Die Fremde hatte keinen Grund etwas im Vorbeigehen zu heucheln, um sich persönlich Vorteile zu verschaffen, deshalb liegt die Vermutung nahe, dass sie es ehrlich meinte.  Genau genommen war ihre Aussage oberflächlich, schließlich ging es nur um Schuhe. Aber wie könnte eine fremde Person auch ein tiefsinnigeres Kompliment machen? Wäre gar kein Kompliment deshalb besser? Mich hatte das unerwartete Kompliment in der Situation unglaublich gefreut, so etwas habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Stur, verbissen und mit einem Tunnelblick kommen mir manchmal die Passanten hier vor; Fremde werden ausgeblendet.

Doch was ist nun oberflächlich? Ich verbinde mit diesem Wort negative Eigenschaften und Verhaltensweisen: heuchlerisch, unehrlich, nur auf das Aussehen fixiert, am anderen nicht interessiert sein, aus Höflichkeit nachfragen, bedeutungslose Floskeln (z.B. „Wie gehts?“) benutzen. Wenn es stimmen würde und die Menschen dort wirklich sehr oberflächlich wären, hätte ich in drei Wochen keine Freundschaften schließen können und nur die Hälfte von dem erlebt, was ich tatsächlich erlebt habe.

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Als ich am Anfang Menschen kennen lernte und sie mir – mit einem Bier in der Hand und lauter Musik im Hintergrund- sagten, dass sie mir dieses und jenes zeigen wollen bevor ich zurückfliege, hatte mein erfahrungsbedingter Realismus geflüstert: „Das sagen sie jetzt aus Höflichkeit und allgemeiner Abendbegeisterung. Die melden sich eh nie wieder.“ Wären diese Menschen oberflächlich gewesen, hätte das auch gestimmt. Aber mein Realismus war immer im Unrecht und nun muss ich mich fragen, woher dieses Klischee kommt. Im Nachhinein möchte ich sogar behaupten, dass – wenn wir schon bei Stereotypen und Verallgemeinerungen sind – die Deutschen auf mich viel oberflächlicher als die Kalifornier sind.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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