Täglich Hauptdarsteller

Freitagabend in meinem Stammcafe. All meine drei Stammplätze auf der barnahen, erhöhten Bank sind besetzt und ich muss mit einem der anderen Tische vorlieb nehmen. Noch bevor ich das Textdokument, an dem ich arbeite, öffnen kann, wird mir wieder bewusst, warum ich so gern auf der Bank sitze: Man hat kaum Sitznachbarn, deren Gespräche belauscht werden können. Die herüberwabernden Monologsfetzen am Nebentisch lassen mich nicht mehr weghören.

Er: „Ja, ich bin ganz anders als man vielleicht denken könnte. Ich bin ein totaler Romantiker. Ich finde es auch schön, sich mit einer Frau ganz altmodisch in einer Bar zu verabreden, sie auf eine heiße Schokolade einzuladen und ihr zuzuhören.“ Seine Begleitung sitzt mit dem Rücken zu mir, ich weiß also nicht, wie sie seine Worte bewertet; das gelegentliche „Hm“ hält ihn jedenfalls nicht davon ab, mit jedem weiteren Satz mehr Antipathie zu provozieren.

Ich presse die Augenlider aufeinander und ziehe von der nach kaltem Kaffee, Rauch und Frauenparfüm riechenden Luft so viel wie möglich ein, bis die Lunge von Innen gegen die Brust drückt. Ich versuche mich auf meinen Herzschlag zu konzentrieren und sämtliche Bargeräusche auszublenden. Eins…Zwei…Drei…Vier…..

Ja und was hörst du so für Musik? Ich stehe ja so auf die schnulzigen Sachen. So ganz untypisch, Bruno Mars und Enrique Iglesias. Kennst du nicht? Was? Aber du als Frau solltest ihn doch kennen!”

…Fünfsechssiebenachtneunzehn! Laut atme ich wieder aus und ärgere mich über mich selbst. Meine Geduld hängt an einem seidenen Faden und meine zuckende Augenbraue könnte jedem, der mich ansehen würde, einen kurz bevorstehenden Vulkanausbruch der Gefühle ankündigen. Sollte ich hingehen und ihn fragen, warum er sich wie in einem schlechten Hollywoodfilm verhält? Warum er oberflächlichen, sexistischen Mist erzählt? Soll ich ihm sagen, dass seine Körpersprache verrät, dass er sie nur zu irgendwas rumkriegen will und diese Selbstbeweihräucherung keinem hilft?

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Kurzerhand klappe ich meinen Laptop zusammen und setze mich direkt an den Bartresen und glücklicherweise bezahlen die Menschen neben mir gerade, sodass ich endlich „meinen“ Bankplatz ergattern kann. Auch, wenn ich mich gerade nochmal vom Einmischen abhalten konnte, die Gesprächsfetzen gehen mir auch zwei Tage später nicht aus dem Kopf und machen mich nachdenklich.

„Manchmal ist mir, als hätte man uns in einen Film gesperrt. Wir kennen unseren Text, wir wissen, wo wir geh’n und steh’n sollen und es gibt keine Kamera. Aber wir können nicht mehr raus. Und es ist ein schlechter Film.“ (Charles Bukowski)

Ich hätte gern in die Köpfe der Zwei gesehen, um auf die vielen Fragen Antworten zu finden. Ist er vielleicht nur ein sehr unsicherer, aber herzensguter Mensch, den ich im falschen Moment belauscht habe? Oder hatte sie zuvor einen ähnlichen Monolog geführt und er wollte sich nur anpassen? Waren sie glücklich mit dem Abend? Hatte er sich wohlgefühlt, während er selbstzufrieden von seinem (außer)gewöhnlichen Wesen redete? Hatte sie ihm gern zugehört? Sind die beiden nebeneinander eingeschlafen und werden sie auch nach zehn Jahren an diesen Abend mit einem Lächeln auf den Lippen zurückdenken?

Vielleicht ist es die Angst, namen- und profillos zu sein, die uns zur Verschönerung und Selbstdarstellung der eigenen Person treibt. Wir kennen nur uns selbst und sind jeden Tag der eigene Hauptdarsteller in unserer Hollywoodtragödie. Aber in der Hoffnung, irgendwas zu bedeuten, in der Suche nach Außergewöhnlichkeit, schlüpfen wir auch nur in eine Rolle, die uns stehen könnte, aber die gar nicht uns selbst verkörpern kann.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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