Ganz die Mutter

Wenn man für einige Tage bei den Eltern zu Besuch ist, kommt unweigerlich der Moment, an dem alte Rollenmuster zurückkehren und man selbst wieder Kind wird. Ab diesem Zeitpunkt häufen sich Situationen an, in denen man genervt die Augen rollt und beginnt, den Ende des Besuchs herbeizusehnen.

Wenn zwischen diesem Zeitpunkt und der geplanten Abfahrt noch so einige Tage dazwischen liegen, kann es sehr schnell unangenehm werden. Denn dann wird man unweigerlich mit seinen eigenen Schwächen konfrontiert und muss im schlimmsten Fall feststellen, dass diese mit den Macken der Eltern übereinstimmen.

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Situation 1

Mutter und ich – wir wollen abends etwas kochen. Aus Mutters Sicht müssen wir dringend einkaufen fahren, weil ihr Kühlschrank leer ist. Ich könnte mich von dem Inhalt sicherlich noch zwei Wochen versorgen, aber so ist das eben mit Elternkühlschränken, sie sind voll, selbst wenn sie leer sind, also fahren wir einkaufen.

Mutter: „Und, worauf hast du Lust? Was wollen wir kochen?“

Ich: „Ach, ist mir egal. Wie wärs mit Chili con Tofu? Das kann ich ganz gut, geht schnell, man braucht nicht viel…“

Mutter: „Ach Tofu. Nee. Darauf habe ich heut keine Lust. Gibt’s nicht noch andere vegetarische Gerichte, die wir machen können? Zuhaus hab ich noch… [sie beginnt vom Mehl über Olivenöl bis hin zum Nutella alles aufzuzählen, was noch zuhause ist]“

Ich reagiere mit überfordertem Schulterzucken. So kreativ bin ich nun auch wieder nicht. Mutter ist beleidigt, weil ich ihr keinen Rezeptvorschlag präsentiere und ich bin ein bisschen beleidigt, weil sie mein Chili con Tofu abgelehnt hat. Erwachsen, wie wir beide sind, haben wir jedoch die perfekten Strategien, um mit der angespannten Situation umzugehen. Mutter zappt im Autoradio herum, um es kurz darauf, von der Musik genervt, wieder abzuschalten. Um es kurz darauf wieder anzuschalten und einen Klassik-Sender einzustellen, vermutlich in der Hoffnung, mich damit zu nerven. Ich wiederum tue so, als wäre ich eingeschlafen. War schon als Kind effektiv. Schlafe kurz darauf wirklich ein und wache erst auf dem Supermarktparkplatz wieder auf. Mutter guckt mich versöhnlich an und sagt dann: „Naja, was brauchst du denn alles fürs Chili con Tofu?“

Ich: „Ich dachte du hast keine Lust auf Tofu?“

Mutter:  „Ach, ist doch egal. Mir fällt auch nix anderes jetzt ein.“ Ich ringe mir ein zerknirschtes Lächeln ab, um keinen Streit zu riskieren, der am Ende die Kochpläne doch noch umstürzen würde.

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Situation 2

(spielt sich innerhalb von einer halben Minute ab) Erneut im Auto, gerade vom Parkplatz des neuen, großen und weit abgelegenen Einkaufszentrums Richtung Wohnung fahrend, ist Mutter überfordert. „Aaaaah! Wo müssen wir langfahren? Hier steht nirgends die Autobahn ausgeschildert! Was nun? Wo lang? Wo lang? Wassollichdennjetztmachen?!“ Dass sie vor kurzem umgezogen ist und ich deshalb keinen blassen Schimmer habe, wo wir uns überhaupt befinden, vergisst sie im Eifer des Gefechts. Dennoch verbalisiere ich mein Bauchgefühl mit:„Links? Ich glaube, ja, doch, ziemlich sicher: Links!“

Eben hatte Mutter noch gefragt, jetzt tippt sie wild aufs Navigationssystem ein und flucht ein bisschen, weil ihr alles zu schnell (und das Navi zu langsam) geht. Ich wiederhole mit hysterischerem Tonfall meine Richtungsangabe-„LINKS!“, die Kreuzung kommt immer näher. “Linkslinkslinkslinkslinks!” Ich wedele mit meiner Hand vor ihrem Gesicht herum, um die Richtungsangabe noch einmal zu verdeutlichen. Mutter sagt jetzt: „Jaaahaaaa, habe ich vernommen. Aber wenn du nur GLAUBST, dass wir da lang müssen, ist es bestimmt falsch.“… und biegt rechts ab. Als ich kurz darauf den Knopf für „Route starten“ drücke, den Mutter vergessen hatte, stimmt das Navi mir zu. “Wenn möglich, bitte wenden.” Mutter schmollt und sagt dann leise: „Blödes Navi.“

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Situation 3

Mutter muss heute arbeiten und geplant ist, dass ich mitkomme. Ich will mich währenddessen in ein Café setzen und selbst ein bisschen am Laptop arbeiten. „Und später können wir ja dann noch was Schönes zusammen machen.“, sagt Mutter beim Frühstück. Ich nicke. Als sie mich fragt, ob ich schon eine Idee hätte, ahne ich bereits, worauf das hinauslaufen wird, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. „Nein, keine Idee. Mir geht es ja nur darum, etwas mit DIR zu machen, der Rest ist mir relativ egal.“ „Kannst du dir ja noch überlegen.“, antwortet sie. “Du auch!”

Stunden später sitzen wir im Auto und haben noch immer keine Idee. Mir ist es noch immer gleichbleibend egal, ob wir nun am Strand spazieren, shoppen gehen, nach A, B oder C fahren oder uns zuhause einen Film reinziehen. Hauptsache irgendwas zusammen, denke ich. Mutter findet das gar nicht cool. „Tochter!“, sagt sie grummelig und guckt vorwurfsvoll. „Mutter!“ antworte ich grummelig. Eine Schweigeminute. „Worauf hast DU denn Lust?“ frage ich sie. „Ach, ist mir egal. Ob wir nun am Strand spazieren, shoppen gehen…“ Och nee, denke ich. Das kenn ich.

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Der Punkt ist, dass ich  meiner Mutter manchmal viel zu ähnlich bin. Ich habe sie sehr gern, das muss auch gesagt werden, also nicht falsch verstehen. Aber immer, wenn ich sie besuche, ist es wie eine Sozialstudie, bei der mir ein Spiegel vorgehalten wird. Denn all die Macken und Verhaltensweisen, mit denen Mutter mich auf immer wieder auf die Palme bringt, finde ich in kleiner Variation in mir selbst wieder.

Und trotz allem ist es fantastisch, mit meiner Mutter Zeit zu verbringen. Wir sind eigentlich ein ganz gutes Team und es ist witzig, oberflächlich so unterschiedlich zu sein, aber hinter der Fassade so viel gemeinsam zu haben. Ich habe zwar einen anderen Klamottenstil, höre andere Musik, habe eine große Klappe und rede unüberlegt, kann mich besser orientieren,  habe andere Vorstellungen von Glück, Freundschaft, Liebe, Arbeit und Freizeit… aber ich bin auch chaotisch, will immer zehn Dinge gleichzeitig erledigen- und vergesse gern dabei wesentliche Sachen, wie den Ofen auszustellen. In manchen Gesprächen reagiere ich genauso wie meine Mutter, drücke meine Emotionen auf die gleiche Art aus und bin oft kindisch, albern und naiv. Ich sage viel zu gern, dass mir etwas egal ist, um auf einen anderen Menschen Rücksicht zu nehmen und ich rede gerne mit Gegenständen. Zwar habe ich kein Navi, aber das kommt bestimmt noch.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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