Die Coolen

L_Die Coolen wohnen immer in Berlin. Denn Berlin ist die einzige Stadt, die groß und bunt ist, der einzige Ort, wo man wirklich frei und kreativ sein kann. Die Coolen sind immer frei und kreativ. Sie schaffen es, das Chaos zu ihrem Konzept machen und es zu strukturieren.

Die Coolen kommen auch immer an Drogen ran und kennen beim Konsum keine Hemmungen. Sie haben aber nie Abstürze und verlieren nie die Fassung. Sie kennen ihr Limit sehr gut, denn an dem leben sie permanent. Die Coolen sind die, die einem verweinten Mädchen zunicken und mit einem Satz, der aus dem Mund anderer abgedroschen klingen würde, das Leben erklären können.

„Ach, Mein. Dein. Das sind doch bürgerliche Kategorien.“

Die Coolen sind die, die ihre Suchtmittel großzügig mit anderen teilen – oder sie stehen über Drogenkonsum und gesellschaftlichen Zwängen und können selbst ein Glas Wein dankend, aber selbstsicher zurückweisen. Die Coolen sind immer die Gastgeber von Partys, über die noch Wochen später geredet wird. Wenn die Coolen selbst auf Partys eingeladen werden, geben sie nichts auf Zeit – wenn sie gar nicht aufschlagen, ist die Party schlecht und man hätte den Abend lieber woanders verbringen sollen, wenn sie erst spät kommen, wird die Party erst nach ihrem Erscheinen gut.

Die Coolen müssen nicht viel reden, denn sie werden auch ohne Worte verstanden. Sie werden als Gesamtkunstwerk wahrgenommen – Gestik, Mimik, Worte und Stil sind immer aufeinander abgestimmt. Die Fassung verlieren sie nie, sie handeln nie unüberlegt. Aber weil sie die Coolen sind, unterstellt ihnen niemand Berechnung oder Einseitigkeit.

Die Coolen filtern ihre Gedanken nicht, sie müssen keine Scheu haben, dass andere ihre Leidenschaft oder Ansicht auslachen könnten.

Selbst, wenn es sich um Briefmarkensammeln handeln würde, die Coolen können alles so fundiert begründen, dass sich alle anderen unreflektiert fühlen. Sie schaffen es, andere Menschen zum Nachdenken zu bringen, da sie immer eine außergewöhnliche Sicht auf die Dinge haben.

Die Coolen sind schlau, so verdammt klug. Wenn sie nachts um zwei nicht der Mittelpunkt auf dem Dancefloor sind, dann sitzen sie im Mittelpunkt einer WG-Küche und sind auch ohne Bart die großen Philosophen. Man fragt sie nicht um Rat und sie drängen sich einem nicht auf, sie sind einfach da und ohne es zu beabsichtigen, wird jedes ihrer Worte von den anderen aufgesogen.

Die Coolen fühlen sich nie ausgenutzt- sie brauchen keine negativen Emotionen gegen andere Menschen zu hegen. Sie vertreten alternative Lebensansichten und sind politisch informiert. Sie können überall mitreden und wissen zu allem eine Antwort.

Die Coolen treten nicht in Rudeln auf, sie sind Einzelgänger und haben Konkurrenzkämpfe nicht nötig. Sie teilen sich die Stadt in Reviere auf und folgen Regeln und Prinzipien, die Außenstehende nie erfassen können.

Und …die Coolen werden nur unter Menschen cool.

Wenn die Party vorüber ist, wenn der Raum am nächsten Tag nach kaltem Rauch und ihre Haut nach Schweiß riecht, wenn sogar ihr Kopf schmerzhaft den Wassermangel beklagt – dann sind sie wieder ein Teil von uns. Dann haben auch sie Selbstzweifel und kommen sich gewöhnlich vor. Dann denken sie an die Coolen ihrer Welt und wünschen sich, ein bisschen mehr wie die zu sein.

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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