Phänomen Spargelurin: Warum nicht jede Pipi riecht

"L"asst uns über Pipi reden. Genauer gesagt über Spargelpipi.
Gehen wir mal davon aus, ihr habt euch einen riesen Berg von leckerstem Saisonessen gegönnt und geht am nächsten Morgen auf die Toilette. Fällt euch da was auf?

Es wird nun einige Menschen von euch geben, die diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten, doch auch einige, die keine Ahnung haben, was sie da gefragt werden. Gemeint ist das Phänomen des merkwürdigen Geruchs, den einige von uns nach dem Spargelessen feststellen können. Gehen wir doch mal etwas tiefer in die Materie und dem Spargelurin auf den Grund.

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Nicht jeder pinkelt „Spargelurin“ und nicht alle können ihn riechen!

Nicht bei jedem Menschen riecht der Urin nach einer Spargelorgie eigenartig schwefelig. Noch wissen die Wissenschaftler nicht genau, welches Enzym welchen Stoff herunterbrechen muss, damit der typische Geruch entsteht. Vermutet wird aber, dass es einige Menschen gibt, die aufgrund einer Genmutation das relevante Enzym nicht besitzen und die extrem-riechenden Substanzen deswegen gar nicht erst entstehen.

Es gibt allerdings auch Menschen, die sehr wohl Spargelurin pinkeln, dies aber einfach nicht riechen können. Wir haben eine große Masse an Genen, die für unseren Riechsinn zuständig sind und es kann durchaus sein, dass kleine Mutationen uns die eine oder andere Nuance entgehen lassen. Das ist gar nicht mal so selten und kann auch beim Spargelurin-Geruch vorkommen.

Und wie hat man das herausgefunden? Tja, es reicht in dem Fall natürlich nicht, die Menschen nur zu fragen, ob sie an ihrem eigenen Urin etwas Müffliges  feststellen konnten.  Sie mussten auch anderer Leute Urin riechen, die entweder Brot oder Spargel gegessen hatten. So konnte herausgefunden werden, dass es Menschen gibt, die keinen Spargelurin produzieren (Non-Producer), obwohl sie Spargel aßen und Menschen, die den Geruch einfach nicht wahrnehmen können (Non-Detectors).

Ihr könnt den gleichen Test bei euch zu Hause durchführen. Beispiel: Ihr riecht euren Spargelurin, kennt aber jemanden, der das nicht kann? Dann geht nach ihm/ihr auf Toilette und riecht mal, ob sie zu den Non-Producern oder Non-Detectors gehören. Definitiv ein prima Gesprächsthema beim nächsten Smalltalk, mit dem ihr euch diverser verwirrter Blicke sicher sein könnt!

Der Pipi-Mechanismus und über muffige Spargelsubstanzen

Unser Urin entsteht in der Niere. Dort wird aus unserem Blut überflüssiges Wasser mit einer Menge Nährstoffe und Mineralien durch eine kleine Filteranlage gepresst. Nach dieser ersten Filtration gelangt das Wasser in ein langes Rohrsystem mit unterschiedlichen Abschnitten. Jeder Abschnitt ist sehr clever aufgebaut und ist jeweils für die Rückresorption bestimmter Nährstoffe verantwortlich. Auch das Wasser selbst wird wieder fleißig in unseren Körper zurückgeholt, sodass wir statt der anfangs filtrierten 180 Liter pro Tag nur etwa 1,5 Liter ausscheiden. Beeinflusst werden können diese Vorgänge durch Hormone, sodass unser Körper es schafft im Gleichgewicht zu bleiben, auch wenn wir mal zu viel von bestimmten Stoffen aufnehmen.

Bei jedem Menschen funktioniert das mit dem Pinkeln in etwa gleich. Wir essen Spargel und seine chemischen Bestandteile werden durch viele Enzyme auseinandergepflückt, heruntergebrochen und transportiert. Beim Spargel sind das, wie auch in jedem anderen Lebensmittel, eine Vielzahl von Stoffen und eine ebenso variantenreiche Vielzahl landet schlussendlich in unserem Urin. Nur die Substanzen, die einen gewissen Durchmesser haben, sind „frei filtrierbar“ und schaffen es ohne weiteres aus unserem Körper heraus. Nicht dazu gehören große Proteine oder Glukose – wer süß pinkelt, hat wahrscheinlich Diabetes und wenn das Toilettenwasser nach dem Pinkeln schäumt, sind aufgrund einer Krankheit zu viele Eiweiße im Urin.

Nach dem Spargelessen können Wissenschaftler eine ganze Reihe Substanzen in unserem Urin nachweisen, die erst durch den Spargelverzehr dort hineingekommen sind. Es ist sehr schwer zu sagen, welcher der Stoffe genau so komisch riecht und von welchem Teil des Spargels dieser Stoff abgespalten wurde. Vermutet wird, dass die geruchlose, schwefelhaltige Asparagusinsäure (auch Spargelsäure, da [engl.] Asparagus = [dt.] Spargel) zu abenteuerlich klingenden Stoffen wie S-Methyl-thioacrylat und S-Methyl-3-(methylthio)thioproponiat abgebaut wird. Die sind ebenfalls schwefelhaltig und Schwefel riecht bekanntermaßen nach faulen Eiern.

Interessanter Fakt zum Schluss: Stillende Mamas mit großem Appetit auf Spargel haben nicht selten das Problem, dass der Säugling ihre Milch nicht trinken mag. Die schwefelhaltigen Stoffe können nämlich auch in die Muttermilch übergehen und schmecken den Kleinen gar nicht.

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Emilie Wegner

FUXXIG Autorin
Emilie Wegner studiert Ernährungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle. Auf "Emilies Treats" bloggt sie über Themen der Ernährung und die Liebe zum Essen.

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