Bauchgefühlentscheidung

„Was tue ich nur? Das ist verrückt, einfach nur verrückt!“, sage ich mir immer wieder, als ich vor meinem Haus warte. Verabredet bin ich. Und aufgeregt. Und verrückt, das denke ich zumindest schon Stunden vor der Verabredung. Die Vernunft flüstert „Wenn das meine Mutter wüsste“ und “mit fremden Menschen geht man nicht mit”, aber meine Neugier siegt und schiebt den Gedanken, in letzter Sekunde abzusagen, beiseite.

Fou, das sagen die Franzosen dazu und mit einem von ihnen bin ich an diesem Abend verabredet. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, saß ich in meinem Stamm-Café bei einem Rotwein allein an meinem gewohnten Fensterplatz vor meinem Laptop und tippte fleißig an einer Geschichte. Irgendwann saß er am Nebentisch mit Freunden und irgendwann kamen wir ganz spontan und zwanglos ins Gespräch – ganze drei Stunden erzählten wir über Reisen, Fernweh, Fotografie, Schreiben, Deutschland und Frankreich. Und Halle.

Telefonnummern wurden ausgetauscht und wir verabredeten uns. Das Konzept: Ein Franzose zeigt Josephine, kurz bevor er Deutschland nach einigen Jahren Aufenthalts wieder verlässt und zurück nach Frankreich zieht, die schönsten Plätze von Halles Umland. Damit ich zukünftig schöne Sonnenuntergänge fotografieren kann- vor allem aber, um mein Fernweh zu kurieren.

Fou!

Von einem weißen Oldtimer namens Sascha werde ich abgeholt und dann werden Versprechen eingelöst. Die Kamera habe ich dabei, aber vergesse sie für die nächsten Stunden in der Tasche, zu atemberaubend schön ist die Landschaft, zu magisch der Moment.

Nach einigen kurvigen Straßen aus Kopfsteinpflaster sitzen wir an einem Weinberg mit sonnengereiften Reben im Rücken. Beim Sonnenuntergang blicken wir auf ein großes Tal mit zwei Seen und führen im schwachen Licht der kleinen Dörfer unter uns Gespräche über Nationalismus, die Vereinten Nationen und… Kindheitserinnerungen. In der ersten Dunkelheit spazieren wir an einem See und besichtigen einen Burghof. Auf dem Weg zum nächsten Ziel verfahren wir uns, fahren Umwege. Sascha schnurrt und verzerrt die französische Musik auf eine sympathisch-nostalgische Art, der Mond scheint hell. Rehe, Dachse, Katzen, Hasen, Kröten und Füchse kreuzen unseren Weg. Zwischendurch schweigen wir immer wieder. Kein unangenehmes Schweigen, eher eine andächtige Übereinkunft. Und dann, irgendwo bei einem Turm, sehen wir in die Sterne.

Étoile filante (wörtlich: der flitzende Stern) ist die französische Bezeichnung für das deutsche Wort Sternschnuppe. Wir sehen ganz “große”, mit langem, grünen Schweif. Noch einige Sekunden nachdem Verschwinden der Sternschnuppen bleibt eine grün-glühende Spur am Firmament zurück.

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Als ich spätnachts tot ins Bett falle, muss ich an seine ehrlichen Worte denken, als das Gespräch unter dem Sternschnuppenhimmel tiefsinniger wurde. Wir haben über Schwächen geredet und er gestand, dass er sich permanent vor Entscheidungen scheut, weil er generell Angst vor falschen Entscheidungen hat. Er erwähnte auf die mir wohlbekannte Stelle aus Kunderas “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”.

“Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung.”

Der Abend geht in mein imaginäres Poesiealbum ein – als une histoire complètement folle und auch als kleines Wunder. Dennoch wünsche ich mir, mir wäre auf sein Geständnis eine schlaue und hilfreiche Antwort eingefallen. Denn die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, kenne ich auch. Aber mit einem Fremden und einem Auto namens Sascha magische Orte während der Sternschnuppennacht zu entdecken, war die beste Entscheidung seit langem. Sie wurde gar nicht von mir getroffen, ich hab einfach mein Bauchgefühl machen lassen. Es war spontan, unüberlegt und hinterließ deshalb auch ein kleines Stückchen Freiheitskribbeln im Bauch. Denn wenn man keine Erwartungen hat und sich hin und wieder einfach vom Leben treiben lässt, öffnen sich Zeitfenster voll von Unkompliziertheit und Zwanglosigkeit.

Fou, ne pas? 

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Josephine von Blueten Staub

Web- und Grafikdesignerin, admin. Verwaltung, Autorin
Josephine von Blueten Staub ist als freiberufliche Künstlerin in der Spoken Word- und Literaturszene aktiv. Auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt sie über Reisen und banale Kuriositäten des Alltags.

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